Am 23. September 1944  landeten wir nach der Evakuierung aus Heiligenbeil in Ostpreußen in Stöntzsch/Sachsen. Wir, das waren meine Mutter Herta geb. Petrick und mein Bruder Klaus-Jürgen. Beim Bauern Gerhard Schnurr in der Nr. 58 erfolgte die Einquartierung. Vorher hatten wir zwei Tage in Groitsch in einer Turnhalle verbracht. Mitten im Dorf, vor dem Gasthof,  erfolgte die Zuweisung. Ein Dienstmädchen des Bauern holte uns mit unseren Habseligkeiten, zwei Wäschekörbe voll, mit einem Handwagen ab. Am 18. Oktober 1944 kam der Oheim meines Vaters August Nienke und am 27. Oktober die Mutter meiner Mutter, Lina Petrick.
Am 8. Februar 1945 folgten dann noch meine Tante Erika Rittberger geb. Petrick mit ihren Kindern Heidi und Frank Michael. Mein Vater, Fritz Nienke, der im Kriege bei der Feldpost diente, wurde nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Er meldete sich bereits am 23. Juni 1945.

Ortsplan von Stöntzsch
Bauernhof G. Schnurr Nr. 58 in Stöntzsch

Nr. 58 Haus des Bauern Schnurr. Hier wohnten wir von 1944-1948

Familie Schippolowski

An Personen aus Stöntzsch kann ich mich nur an die Familie Schippolowski[y] (v.l. Dieter, Mutter, Günter) erinnern, die auch aus Ostpreußen kamen; unsere Familien waren befreundet. Dieter und Günter leben in Leipzig.

Ortseingang mit Eingangsschild
Volkstanzgruppe mit Schülerrinnen  1947/48
Theatergruppe auf dem Schulhof in Stöntzsch

  Schüler aus Stöntzsch nach einer Theateraufführung mit der Lehrerin Frau Luhmann auf dem Schulhof   1947/48

Im Zentrum von Stöntzsch an der Baggerschaufel

Nachdem das Tagebaurestloch verfüllt wurde kann man geographisch wieder nach Stöntzsch

 Zu Stöntzsch gehört auch wenigstens eine Story, die ich nachfolgend erzähle:

Das Klo
  Nach dem Krieg wohnten wir noch bis 1948 in Stöntzsch bei Pegau Kreis Borna beim Bauern Schnurr. Also richtig fett in Sachsen und das als Ostpreußen. Um es entfernungsmäßig etwas genauer zu sagen, Stöntzsch lag 1 km von Pegau entfernt und Pegau liegt 2 km von Groitsch. Dann weiß ich noch, es waren oder sind auch heute noch 16 km nach Zeitz und 25 km bis Leipzig – um mich zu wiederholen, mehr Sachsen, auch von der Sprache her, gibt es nicht. Nur ein Beispiel, so heißt ein Korb: Bähnert!
 Als wir weg waren wurde dieses Dorf 1963 überbaggert, es wurde ein Tagebau und in den neunziger Jahren, lange nachdem die Braunkohle raus war, wurde das riesige Loch wieder verfüllt und heute gibt es eine  Gedenkbaggerschaufel an dieser Stelle. Ich meine dies dürfte als Einleitung genügen und wenn nicht, dann darfst du gern nachfragen, per e-mail, Telefon, Post oder direkt. Jedenfalls, jetzt komme ich zur Sache.Das Gasthaus  1975 als HO
 Stöntzsch hatte als kleines Dorf zwar einen Gasthof und einen Bäcker und das war es auch schon. Das Brot dieser Bäckerei, unmittelbar nach dem Kriege,  war scheußlich, meist war es klitschig, da man es vermutlich mit Wasser ohne Ende gestreckt hatte. Es war damals so, denn Not machte erfinderisch. Mit meinem Klo hatte es auch etwas mit Not zu tun, mit Notdurft. Man musste also wegen aller möglichen Dinge nach Pegau – Post , Friseur, Fleischer, Kino, Bahnhof, Bäcker, Arzt, Rathaus, Sparkasse (falls man Geld hatte) – es gab also immer Anlässe und oft reichte es , wenn man als Kind diese Dinge für die Eltern erledigen musste. Ich machte es nicht gerne, denn in dieser Zeit konnte man nicht spielen und herumtollen. Die Ausnahme war natürlich, wenn ich dafür nicht mit zum Stoppeln brauchte, kein Kaninchenfutter holen musste oder Kohlen an der Eisenbahnstrecke nach Böhlen suchen sollte.
 Die Landstraße von Stöntzsch nach Pegau war wie gesagt 1 km lang und etwa in der Mitte war ein Abzweig nach Zeitz. Auf der linken Seite, kurz vor Pegau war eine Ziegelei in der mein Vater ab 1945 für etwa zwei Jahre arbeitete. Seinen gelernten Job, Postassistent, durfte er als ehemaliger Nazi in Ostdeutschland nicht mehr ausüben. Gleichzeitig musste  er an vielen Sonntagen zu Aufräumarbeiten antreten, die der sogenannten Entnazifizierung dienten. Sicher galt auch hier das Motto: Arbeit macht frei. Aber so einfach ist manchmal Politik.
 Dann war endlich der Bahnübergang erreicht. Die Eisenbahnstrecke führte nach Leipzig und in der anderen Richtung nach Zeitz und auch nach Böhlen. Nach Böhlen ging die Kohlenstrecke auf der man Kohlen suchen konnte, die von den überfüllten Güterzügen fielen. Hinter dem Bahnübergang konnte man rechtsherum zum Bahnhof und in Höhe des Bahnhofs ging es links in eine Straße , die zur Post führte. In dieser Straße befand sich auch die Praxis unseres Hausarztes und es war auch die einzige Straße, die bei einem Bombenangriff im Frühjahr 1945 teilweise zerstört wurde. Die Flieger sahen wir kommen, sie flogen sehr niedrig, man sagte es seien Russen  und für mich war es mehr ein Zufall, dass man Pegau bombardierte. Wir liefen hin und sahen uns die Bescherung an.
 So, nun zum Objekt links des Bahnüberganges. Es war eine Gaststätte, deren damaligen Namen ich vergessen habe, vergessen habe ich aber niemals meine Klogeschichte, die sich hier 1947 ereignete.  Hin und wieder in geselliger Runde erzähle ich sie, nicht mit Stolz, aber nach so langer Zeit doch so, als wäre es ein Streich gewesen. Dabei ist es mir eigentlich heute noch so richtig peinlich und es tut mir immer noch leid, wenn ich daran denke wer den „Zauber“ entfernen musste. Entschuldigung!
 Meiner Meinung war es in der wärmeren Jahreszeit. Ich ging wieder mal nach Pegau und ab der Kreuzung nach Zeitz bekam ich ein menschliches Rühren und ich dachte noch, dass es nachhause nicht weit ist, aber gleichzeitig sagte ich mir, es wird schon wieder weggehen. Es ging aber nicht, meine Schritte wurden immer schneller und gleichzeitig versuchte ich den Schließmuskel fester zu stellen. An der Ziegelei war ich nun schon vorbei, der Bahnübergang nahte und meine Gedanken kreisten nunmehr darum, ob wohl die Toilette in der Gasstätte linker Hand des Bahnüberganges frei war. Die Toilette war nicht öffentlich, aber man musste nicht durch den Gastraum. Man ging durch die Haupttür, die fast immer offen stand. Links war die Tür zur Gaststätte und geradeaus ging es schnurstracks zum Klo. Über den Bahnübergang rannte ich fast, es tat schon richtig weh und dann der Gedanke, hoffentlich sieht dich keiner, rein in den Flur, rein in die Toilette rumdrehen Tür zuschließen und die Hosen runter waren fast eins. Und dann die Erleichterung: Ahhhhhhh!
  Aber ihr wisst vielleicht nicht oder nicht mehr, wie das damals so mit öffentlichen Toiletten, besser – fremden Klos war.  Die Eltern ermahnten immer wieder, nicht auf die Brille setzen, und ich meine das war bei mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. Es drohten nämlich schlimme Krankheiten gegen die man auch Schutzimpfungen erhielt, wie Typhus, Paratyphus, Ruhr und weiß der Kuckuck was sonst noch.
 Und so erledigte ich mein Geschäft mit angewinkelten Knien und jeder weiß, irgendwann lässt die Spannkraft nach, die Knie geben nach und dann? Ja, dann wurde mir so etwas warm um die Rosette, zuerst konnte ich mir gar nicht vorstellen was da passiert, aber dann  schoss es mir wie ein Blitz durch den Das Gasthaus in Pegau nach der WendeKopf, augenblicklich stand mir auch der Schweiß auf der Stirn. Fast panikartig drehte ich mich um und es war so, ich hatte den Deckel nicht hoch gemacht. Auf dem Deckel thronte ein riesiger Berg, ich bin überzeugt, so einen großen Berg habe ich nie wieder im Leben gemacht, jedenfalls bis heute nicht! Vor Angst fiel mir weiter nichts ein, als den Deckel mit Berg nach hinten zu klappen, dann schi.... ich auf Typhus, Paratyphus und was es da sonst noch geben mag, setzte mich auf die Brille und brachte das Geschäft zu Ende. Dabei lauschte ich angespannt, ob nicht jemand den Flur nach hinten kam. Vorsichtig und leise wischte ich mir mit dem zum Glück vorhandenen Zeitungspapier den Hintern ab, immer horchend, kommt da irgendeiner. Es blieb ruhig und so nahm ich, nachdem ich die Hosen oben hatte und die Tür geöffnet war die Beine in die Hände und flitzte nach draußen und der Flur war auf einmal ellenlang und länger. Raus aus dem Haus und in Richtung Stadt rennen bis es nicht mehr ging.
 Nun kam das dicke Ende, ich musste doch wieder nach Stöntzsch zurück und es gab nur diesen Weg zurück. Hoffentlich sind die Bahnschranken oben, hoffentlich kuckt keiner – es ging gut. Und es ging weiterhin gut, obwohl ich immer dachte, die aus der Kneipe wissen, dass ich das Ferkel war. So lange wir in Stöntzsch wohnten und das war bis zum Herbst 1948, bin ich immer im Eiltempo auf der gegenüberliegenden Straßenseite an der Gasstätte vorbeigelaufen und nie wieder rein gegangen und selbst, wenn mein Vater mir eine Limonade vor dem Verdursten spendiert hätte, ich hätte darauf verzichtet.
 Im vergangen Jahr (2001) machten wir von Leipzig aus einen Abstecher nach Pegau und zum rekultivierten Tagebau bei Stöntzsch und der Gedenkbaggerschaufel. Aber in der Gasstätte war ich nicht, auch wenn es sie heute noch gibt. Die vermutlich vielen Generationen von Pächtern werden nicht ahnen was sich hier einmal zugetragen hat. Heute ist es eine schmucke Toilette und sie ist wie früher zugänglich, ja und wenn man so will,  sie lädt zum Verweilen ein. Vielleicht eine Gelegenheit für alle, aber daran denken, Paratyphus gibt es in unserer Region nicht mehr!

!. Pass von Fritz Nienke in der sowjetischen Zone
Mein 1. Zeugnis nach dem Krieg in Stötzsch

Oben: Mein Zeugnis 1946
Links: Pass meines Vater

Die Kirche von Stöntzsch
Die Mühle kurz vor dem Abriss 1963
Der Gasthof mit Konzertsaal; vergleiche  farbige  Postkarte.
Das Kriegerdenkmal von Stöntzsch
Hier atte die LPG ihre Verwaltung
Abrissbeginn am Ortseingang
Abriss mitten im Dorf
Dorfhaus
Dorfhaus und im Hintergrund die Kirche.
Die alte Dorfschule, hier noch als "Demokratische Einheitsschule" bezeichnet.
Postkarte mit Gasthof, Konzertsaal, Kirche...

Viele der alten Fotos bekam ich von
 Olaf Becher sowie
dem Museum Pegau

 und die  farbige Postkarte erhielt ich von
Frank Ganzauge.
Vielen Dank!

Wer bis hier gekommen ist, der darf wissen, dass es einen TV-Film von Olaf Becher mit dem Titel “Verlorene Heimat - Stöntzsch” gibt. Gesendet von W.TV - “Westsachsen TV”, also im Raum Groitzsch, Pegau ... !(2003)

Im den Jahren 2005 und 2007 fanden  Stöntzsch-Treffen statt. Leider konnte ich bisher noch nicht teilnehmen. Interessierte können sich auf der Website der Stadt Pegau über neue Termine informieren und anmelden.

Eine Chronik über Stöntzsch finden Sie unter diesem Link, es ist eine Homepage der Familie Hofmann. Auf der Website von “Pegau” gibt es zu Stöntzsch eine ausführliche Chronik und viele Fotos zum “Downloaden”

Autor Wolfgang Nienke
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